(Un)Möglich

21.05.2026

Vor kurzem habe ich auf LinkedIn die Geschichte eines HR-Mitarbeiters gelesen. Er wurde von einer gehörlosen Person zu einem Vorstellungsgespräch angerufen. Ja, Sie haben richtig gelesen: angerufen.
Dieser Anruf erfolgte über einen Telekommunikationsdienst, wobei ein Dolmetscher das Gespräch für beide Gesprächspartner übersetzte.
Der Personalverantwortliche, der zunächst nicht wusste, wie er reagieren sollte, schrieb, dass er bald sehr begeistert von dem Gespräch und dem Bewerber war. Folglich erhielt der gehörlose Bewerber die Stelle.

Dieses Beispiel zeigt, was Mut und Offenheit gegenüber einem Bewerber mit Behinderung und das Ausloten von Möglichkeiten bewirken können.
Leider scheint dies in der Praxis immer noch eine Ausnahme zu sein. Zu oft wird nur darauf geschaut, was jemand nicht kann, im Falle eines Arbeitssuchenden oder Arbeitnehmer mit einer Hörbehinderung, Telefonieren.
Dass es am Arbeitsplatz mehrere Möglichkeiten gibt, eventuelle Einschränkungen zu umgehen oder anderweitig zu lösen, wird oft übersehen oder als "zu kompliziert" empfunden.

Dabei kann eine Lösung manchmal so einfach sein. Ich selbst hatte zum Beispiel mal einen gehörlosen Kollegen, der nicht telefonieren konnte. In der Praxis übernahm ein anderer Kollege seine Telefonarbeit, und der gehörlose Kollege übernahm einige der administrativen Aufgaben dieses Kollegen. Diese Art der Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert.

Nur zu gut kann ich mich selbst noch daran erinnern, wie mir bei einem Tierheim sogar Freiwilligenarbeit, mit Tierheimhunden spazieren gehen, verweigert wurde, weil man befürchtete, der Lärm wäre zu laut für mich und ich würde es nicht hören, sollte einen Hund sich mal aggressiv verhalten.

Beim Katzenstreicheln galt das gleiche Argument, dass ich eine mögliche Aggressivität nicht bemerken würde. Da ich aber selber zwei Katzen hatte, konnte ich dieses Argument schnell und überzeugend widerlegen.
Es war aber das erste Mal, dass mir auf Grund meiner Hörbehinderung etwas verweigert wurde und zugegeben, das war ein grosser Schock für mich.
Das hat mir damals die Augen geöffnet und mir bewusst gemacht, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man mit einer Behinderung alles erreichen kann was man sich wünscht.

Seitdem setze ich mich für mich und andere Menschen mit Hörbehinderung dafür ein, vor allem in Möglichkeiten zu denken, ohne dabei natürlich die Realität aus den Augen zu verlieren.

Mal ganz ehrlich: 

Wenn jemand mit einer Hörbehinderung gerne Reiseleiter oder Fremdenführer werden möchte, von dem erwartet wird, dass er viel verbal kommuniziert, warum sollte das unmöglich sein?
Die heutige Technik bietet viele Hörlösungen, der Einsatz von Schreib- oder Gebärdensprachdolmetschern ist möglich und es ist sicher auch denkbar, sich auf die Zielgruppe der Führungen bzw. der Führungen für Menschen mit Hörbehinderung zu spezialisieren.

Einer meiner niederländischen Kolleg:innen gründete ein erfolgreiches Unternehmen mit dem vielsagenden Namen: "Kunst des Möglichen" (Kunst van het mogelijke) und genau so ist es auch.

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