Teamfähigkeit mit Hörbehinderung

Schliessen Sie nach dem Lesen dieses Abschnitts mal kurz die Augen und stellen Sie sich die folgende Szene vor:
Sie stehen an der Kaffeemaschine, und ein paar Kollegen führen ein informelles Gespräch. Ehe Sie verstanden haben, worum es in dem Gespräch geht und nachfragen können, hat sich das Gesprächsthema bereits geändert oder die Kollegen haben ihr Gespräch bereits beendet und Sie stehen verloren da.
Wenn dies häufiger vorkommt, Ihr Chef vielleicht auch noch in einem Gespräch zur Leistungsbeurteilung meint, Sie sollten Ihre sozial- und Teamfähigkeit verbessern, besteht die Möglichkeit, dass Sie eine Hörbehinderung haben könnten.
Natürlich gibt es viele Menschen mit einer Hörbehinderung die sehr sozial- und teamfähig sind, sich ebenfalls gesellig an informelle Gespräche beteiligen, aber fragen Sie nicht, wie viel Energie sie dafür benötigen.
Wenn Sie gut hören und verstehen, machen Sie sich in der Regel keine Gedanken darüber, aber für viele Menschen mit einer Hörbehinderung ist die sprachliche Kommunikation ein Spitzensport.
Täglich versucht ihr Gehirn ständig zu entschlüsseln, was andere sagen, und sie sind ständig darauf bedacht, ob jemand etwas zu ihnen sagt.
Das ihnen deswegen manchmal die Energie fehlt, mehr nachzufragen oder um Wiederholung zu bitten, ist daher nicht verwunderlich.
Dadurch entgehen Menschen mit Hörbehinderung oft informelle Informationen am Arbeitsplatz.
Wenn Menschen mit Hörbehinderung aufgrund ihrer sozialen und Teamfähigkeiten wissen müssten, dass Peter heiratet, dass Jan Onkel wird oder dass Marie auf Kreta im Urlaub war, dann ist das besonders schwierig, weil sie diese Informationen, die oft beiläufig erzählt werden, nicht automatisch mitbekommen.
Es wäre demnach unfair, sie nur nach ihrer Teamfähigkeit zu beurteilen, weil ihnen diese Informationen der Hörbehinderung wegen fehlen.
Glücklicherweise gibt es auch kreative Lösungen für diese Herausforderung.
So kann die Personalabteilung oder der Teamleiter regelmässig wichtige informelle Informationen in eine Personalmitteilung oder einen Rundbrief aufnehmen. In einer wöchentlichen Besprechung könnten die Mitarbeiter kurz gefragt werden, ob sie noch eine persönliche Mitteilung zu machen haben.
Denkbar wäre ebenfalls, dass der Mitarbeiter mit Hörbehinderung einen direkten Kollegen seines Vertrauens bittet, einmal pro Woche einen kurzen Überblick über alle informellen Nachrichten zu geben, die am Arbeitsplatz kursieren. Und ja, dazu gehört auch Klatsch und Tratsch, der anderen Kollegen bekannt ist.
Solche Lösungen können Mitarbeiter mit Hörbehinderungen am Arbeitsplatz dabei unterstützen, sich auch informell besser mit Kollegen zu verständigen.
Wenn ich nicht weiss, dass das Kind eines Kollegen krank ist, kann ich bei den Kollegen mich nicht danach erkundigen. Wenn ich aber über diese Information verfüge und nachfrage, komme ich schneller im Gespräch.
Das fördert nicht nur die Kollegialität am Arbeitsplatz, sondern verbessert auch die Atmosphäre im Team, was dem gesamten Unternehmen zugute kommt.
